Montag, 6. Februar 2017

Der Vagus-Nerv und die Selbstheilkraft

Der Vagus-Nerv wird in diesem Artikel in seiner Wichtigkeit für unsere Gesundheit und Gesunderhaltung vorgestellt. Er verdient auch diese Prominenz, sodass ihn der Wiener „Hormonpapst“ Johannes Huber in seinem jüngsten Buch so vorstellen kann: „Gestatten: Dr. med. personalis Nervus Vagus, die Selbstheilungskraft jedes Menschen.“ (S. 102)

Vagus und Parasympathikus


Wer mit der Polyvagaltheorie und dem kohärenten Atmen vertraut ist, weiß schon, wovon die Rede ist. Der Vagus-Nerv ist die Hauptkomponente des parasympathischen Nervensystems, und damit der wichtigste Akteur für Ruhe, Erholung und Regeneration.

Der Vagus-Nerv beginnt im Hirnstamm, hinter den Ohren. Von dort wandert er auf jeder Seite des Nackens nach unten bis zum Bauch. Das Wort „Vagus“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie Wandern, weil sich diese Nervenbündel im ganzen Oberkörper verzweigen. Sie verbinden das Gehirn mit dem Magen und dem Verdauungstrakt, versorgen die Lungen, Herz, Galle, Leber und Nieren. Dazu kommt noch die Enervierung von Sprache, Mimik und Augenbewegungen, die bekanntlich vom neuen, smarten Teil des Vagus gesteuert wird, der vom ventralen Teil des Hirnstammes ausgeht.

80 Prozent der vagalen Nervenfasern sind sensorisch, d.h. sie übermitteln Nachrichten von den peripheren Organen ans Gehirn. Deshalb kann der Vagus als „gutmütiger Spion“ (Johannes Huber) defekte Körperfunktionen ausfindig machen und schnell Gegenaktionen in Gang setzen.

1921 hat der deutsche Arzt Otto Loewi entdeckt, dass die Reizung des Nervs den Herzschlag reduziert, indem eine Substanz ausgeschüttet wird, die er „Vagusstoff“ nannte. Später erhielt sie den Namen Acetylcholin und wurde der erste Neurotransmitter, der von den Wissenschaften entdeckt wurde. Er wirkt wie ein Tranquilizer, den wir ganz einfach selber aktivieren können, indem wir langsam und entspannt ausatmen. Das Acetylcholin wird während der Ausatemphase über den Vagus zum Sinusknoten transportiert, wo es dessen Aktivität dämpft und den Herzschlag verlangsamt. Damit nutzen wir die Kraft des Parasympathikus, um uns in den Zustand innerer Ruhe zu versetzen.

Der Vagus-Nerv arbeitet tief unterhalb unseres Bewusstseins. Er ist von zentraler Bedeutung dafür, unseren Körper gesund zu erhalten. Er ist der wesentliche Teil des parasympathischen Nervensystems, zuständig für die Beruhigung des Körpers nach Stresserfahrungen. Wenn das Vagus-Nervensystem kräftig ausgebildet ist, kann sich der Körper schneller und leichter entspannen.

Die Stärke der Vagus-Reaktion wird als vagaler Tonus bezeichnet, der über die Messung der Herzschlagvariabilität bestimmt werden kann. Forschungen haben gezeigt, dass ein hoher vagaler Tonus dazu beiträgt, dass der Körper den Glukosespiegel im Blut besser regulieren kann. Damit wird die Wahrscheinlichkeit von Diabetes, Gehirnschlag und Herzkreislauferkrankungen verringert. Ein niedriger vagaler Tonus dagegen wird mit Depressionen, getrübten Stimmungen, Herzanfälle und auch mit chronischen Entzündungen in Verbindung gebracht.

In einer Studie aus dem Jahr 2010, die in  Psychological Science publiziert wurde, zeigte sich, dass ein hoher vagaler Tonus mit einer positiven Feedbackschleife zwischen positiven Emotionen, körperlicher Gesundheit und guten sozialen Verbindungen einher geht. Bei diesem Experiment wurde die Loving-Kindness-Meditationstechnik verwendet, um die Teilnehmer in eine gute Stimmung zu bringen. Es zeigte sich jedoch, dass schon die Reflexion auf positive soziale Kontakte den vagalen Tonus steigern konnte.


Der Vagus und die Entzündungen


Wenn irgendwo im Körper eine Entzündung entsteht oder sich etwas Schädliches entwickelt, sind proinflammatorische Proteine wie Interleukin 6 oder der Tumornekrosefaktor beteiligt. Sie sind in der Lage, gesunde Zellen umzubilden. Sie kommen aber auch über den Nervus Vagus ins Gehirn. Dort wird Acetylcholin gebildet, um die Entzündung an der Peripherie zu bekämpfen.

Der Vagusnerv ist also die wichtigste Kommunikationsschiene zur Aufrechterhaltung eines störungsfreien Ablaufes in unserem Organismus, für den es notwendig ist, all die potenziellen Entzündungs- und Krebszellen, die wir in uns tragen, unter Kontrolle zu halten, sodass sie ihre schädlichen Wirkungen nicht entfalten können.

Menschen, denen früher wegen Magenleiden der Nervus-Vagus durchtrennt wurde (damit wollte man die Produktion von Magensäure verringern), begannen nach der Operation Tumore zu entwickeln. Offenbar sind wir ohne Parasympathikus den Krebszellen hilflos ausgeliefert.

In einer weiteren Studie aus dem Jahr 2014 fanden die Schweizer Forscher heraus, wie der Vagus Bauchgefühle wie Angst und Furcht ins Gehirn transportiert. Wahrscheinlich spielen die Zytokine eine Hauptrolle, wenn das Immunsystem durch Stress überlastet wird. Eine verstärkte Zytokin-Produktion ist jedenfalls beteiligt an gedrückten Stimmungen und Energie- und Motivationsmangel.

Doch auch für Entzündungsvorgänge im Körper ist der Vagus zuständig. Entzündungsreaktionen spielen eine zentrale Rolle in der Entwicklung und im Weiterbestehen von vielen Krankheiten, und sie können schlimme chronische Schmerzen bewirken. In vielen Fällen sind Entzündungen die Reaktionen des Körpers auf Stress.

Zwar haben Entzündungen als Teilfunktion des Immunsystems eine nützliche Rolle, damit der Körper Verletzungen ausheilen kann, aber es können auch Organe und Blutgefäße beschädigt werden, wenn der Entzündungsprozess länger anhält als er gebraucht wird. Eine der Aufgaben des Vagus-Nervs liegt darin, das Immunsystem abzuschalten und die Produktion von Proteinen, die die Entzündung in Gang halten, zu beenden. Ein schwacher vagaler Tonus bedeutet, dass diese Regelung weniger wirkungsvoll ist, sodass Entzündungen ausufern können, wie z.B. bei der rheumatischen Arthritis.

Vor kurzem hat ein internationales Forscherteam aus Amsterdam und den USA einen klinischen Versuch durchgeführt, bei dem gezeigt wurde, dass die Stimulation des Vagusnervs mit einem kleinen implantierten Gerät signifikant Entzündungen verringert. Patienten mit rheumatischer Arthritis konnten ihren Zustand verbessern, weil die Zytokin-Produktion verringert werden konnte. Die rheumatische Arthritis  ist eine chronische Entzündungserkrankung, die in den USA allein 1,3 Millionen Menschen betrifft und Milliarden an Gesundheitskosten jährlich verschlingt.

Obwohl die Studie auf Patienten mit rheumatischer Arthritis beschränkt war, ist es wahrscheinlich, dass die Resultate auf Patienten mit anderen chronischen Entzündungserkrankungen übertragen werden kann, darunter z.B. Parkinson, Morbus Crohn und Alzheimer. In diesen Fällen kann vermutlich eine solche Implantation traditionelle Therapien mit hochpreisigen Medikamenten mit vielen Nebenwirkungen überflüssig machen.


Wie können wir den Vagus kräftigen?


Es erfordert einen hohen Aufwand, ein Gerät in den Oberkörper einzubauen, das dann über elektrische Impulse den Vagusnerv aktiviert. Vielleicht ist das allerdings die einzige Hilfe, wenn die Fehlregulationen über lange Zeit so stark ausgeprägt sind, dass die Einflussnahme auf der Ebene der bewussten Selbsthilfe, also mittels Erster-Person-Perspektive keine maßgebliche Wirkung mehr erzielen kann.

Im Sinn der Vorbeugung ist aber gerade diese Ebene von zentraler Bedeutung. Gelingt es uns, durch die eigene Übungspraxis und Lebensweise einen starken vagalen Tonus in unserem Körper aufzubauen und aufrechtzuerhalten, tragen wir wesentlich dazu bei, uns die oben beschriebenen chronischen Entzündungsprozesse buchstäblich vom Leib zu halten.

In meinem Buch über das kohärente Atmen habe ich auf die Atemmethode hingewiesen, die sich für diesen Zweck hervorragend eignet, weil sie genau dafür entdeckt und entwickelt wurde. Über mehrere positive Feedbackschleifen können wir durch das langsame, regelmäßige und entspannte Zwerchfellatmen einen kohärenten Rhythmus im ganzen Organismus erzeugen und stabilisieren, der neben der Entlastung der Herztätigkeit und des Trainings der Blutzirkulation den Parasympathikus aktiviert und stärkt.

Kohärent atmen können wir immer, wenn wir nicht gerade anstrengenden Tätigkeiten nachgehen; wir müssen nur daran denken. Je mehr wir davon in unseren Alltag übernehmen, desto leichter macht es uns der Organismus, dass wir uns schnell auf diesen Rhythmus einschwingen können, weil er von sich aus nach dem Schwingungszustand strebt, der seinem Optimalzustand entspricht.

Es gibt auch noch andere Möglichkeiten zur Vagus-Stärkung. Datis Kharrazian, der Autor des Buches “Why Isn’t My Brain Working”, das sich vor allem mit der Glutenunverträglichkeit beschäftigt, hat einige Empfehlungen zur Stimulation des Vagus-Nervs vorgestellt:

Gurgeln: Mit Wasser gurgeln stimuliert den Vagus, und dadurch wieder kommt mehr Blutfluss in den Bauch. Wenn man das richtig macht, können sogar Tränen kommen, weil auch ein Gehirnbereich in der Nähe des Vagus aktiviert wird, der als der obere Speichelkern bezeichnet wird. Denn der parasympathische Anteil des Gesichtsnervs entspringt in diesem Kern (nucleus salivatorius superior) im Hirnstamm und bewirkt das Weinen. Wenn man mit einer kleinen Menge Wasser beginnt und die Dauer und Intensität langsam steigert, werden diese Neuronen trainiert und gestärkt.

Den Würgereflex  auslösen: Dafür können Einweg-Zungenspateln verwendet werden, die man auf die Hinterseite der Zunge drückt, um den Würgereflex auszulösen. Dabei ist achtsam vorzugehen, sodass der rückwärtige Teil des Gaumens nicht verletzt wird. Wenn dabei Tränen kommen, ist das wieder ein Zeichen dafür, dass der Vagus-Nerv gereizt wurde.

Kaffee-Einlauf: Solche Einläufe werden vor allem zur Entgiftung genutzt. Aber sie dienen auch zur Reizung von Rezeptoren im Darmbereich, die für die Darmbewegungen zuständig sind: die nikotinischen Acetylcholin-Rezeptoren. Ein starker Kaffee-Einlauf kann einen starken Reiz zum Stuhlgang auslösen, der aber so lange wie möglich zurückgehalten werden sollte. Dabei soll es zur Aktivierung und Stärkung der Achse zwischen dem Frontallappen des Großhirns, der Pons und den Eingeweiden, also der Kopf- und Bauchhirnverbindung kommen.

Singen: Eine andere Möglichkeit, die vagalen Muskel an der Hinterseite des Gaumens zu aktivieren, besteht im wirklich lauten Singen, das ist wohl von all diesen Möglichkeiten die einfachste und angenehmste! Jetzt wissen wir auch, warum Singen glücklich macht.

Der Gesundheitsblogger Dave Asprey nennt folgende Maßnahmen zur Stärkung des vagalen Tonus:

•    Kalte Thermogenese, also sich der Kälte aussetzen, z.B. durch kaltes Duschen
•    Training der Herzschlagvariabilität, z.B. durch das kohärente Atmen
•    Kieferregulierung: Hier geht es um den Zusammenhang zwischen dem Trigeminus und dem Vagus.

Wer im letzteren Bereich eine wirksame Atemmethode sucht, sei auf das holographische Atmen von Martin Jones verwiesen, die speziell auf den Kiefer ausgerichtet ist und chirurgische Eingriffe ersetzen kann.

Und hier schließt sich wieder ein Kreis. Wim Hof und seine Studenten konnten zeigen, dass intensive Atemübungen und Kaltwassererfahrungen die Zytokin-Produktion durch die weißen Blutkörperchen verringern konnte, was also eine entzündungshemmende Wirkung hat. Also schlagen wir mit intensivem und mit ruhigem Atmen zwei Fliegen auf einen Schlag: Wir stärken die parasympathische Kompetenz und reduzieren das Risiko für chronische Erkrankungen.

Wir sehen also: Wo immer es irgendwo zwickt oder zwackt, es kann immer hilfreich sein, bei unserer Atmung nachzuschauen, ob sie eine Abhilfe parat hält.

Literatur:
Wilfried Ehrmann: Kohärentes Atmen. Tao Verlag 2016
Johannes Huber: Es existiert. Die Wissenschaft entdeckt das Unsichtbare. edition a 2016
Datis Kharrazian: Why Isn’t My Brain Working? Elephant Press 2013


Vgl. Kohärentes Atmen

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